Stadt Freiburg im Breisgau

Preisträgerfoto Stadt Freiburg im Breisgau

Auszug aus der Wettbewerbsdokumentation

Kommune und Wettbewerbsbeitrag im Überblick

Einwohnerzahl 229.1441
Bundesland Baden-Württemberg
Titel des Beitrags PräRIE – Kommunale Alkoholpolitik und Prävention in Freiburg
Schwerpunkt des Beitrags Alkohol- und Gewaltprävention im öffentlichen Raum (Freiburger Innenstadt und andere Stadtteile) und in den Freiburger Straßenbahnen
Einzelprojekte
  1. "PräRIE-Innenstadt": Einsätze von Peer-Berater/innen und Suchthilfe-Fachleuten im Freiburger Partyviertel
  2. "PräRIE-abgefahren!": Projekt zur Sucht- und Gewaltprävention mit Ehrenamtlichen in den Freiburger Straßenbahnen
  3. "Nachtwanderer und Festbegleiter/innen": Initiierung und Begleitung von Engagement-Projekten in Freiburger Stadtteilen
Kontakt Karin-Anne Böttcher
Stadt Freiburg im Breisgau
Amt für Soziales und Senioren
Koordinationsstelle Kommunale Alkoholpolitik Jacob-Burckhardt-Straße 1
79098 Freiburg im Breisgau
Tel.: +49 761 201-3843
E-Mail: karin-anne.boettcher@stadt.freiburg.de

Anlass und Ausgangssituation

Seit dem Jahr 2006 ist in der Stadt Freiburg eine stete Zunahme innerstädtischer Gewalttaten zu beobachten. Fast die Hälfte aller Gewaltdelikte findet in der Altstadt, im sogenannten "Bermudadreieck", statt. Höhepunkte hierbei sind die Wochenenden und die Zeit zwischen 23 und 5 Uhr. Fast zwei Drittel der Tatverdächtigen in der Altstadt standen 2009 unter Alkoholeinfluss (im restlichen Stadtgebiet nur ein Drittel).

Konzeption und Ziele

2007 beschloss die Stadt daher zunächst eine inzwischen wieder aufgehobene Verordnung zur Begrenzung des Alkoholkonsums im öffentlichen Straßenraum, und der Arbeitskreis Suchthilfe Freiburg wurde gemeinsam mit der Verwaltung beauftragt, Konzepte für Begleitmaßnahmen dieses Alkoholverbots zu entwickeln. Daraus ist im Jahr 2008 das Projekt PräRIE entstanden. PräRIE steht für Prävention, Relaxation, Information/Intervention, Evaluation.

Logo des Projekts

Übergeordnete Ziele von PräRIE sind die Etablierung einer kommunalen Alkoholpolitik sowie die Sensibilisierung für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. Zielgruppen sind sowohl Jugendliche und junge Erwachsene als auch ältere Erwachsene, Veranstalter, Gastronomie sowie Clubs und Diskotheken. Konkrete Projektansätze für die zielgruppenorientierte Prävention und Intervention in der Freiburger Innenstadt wurden u.a. auf Basis der Ergebnisse von "StreetTalks" entwickelt, bei denen 2008 und 2010 zwischen 21 und 1 Uhr Personen, die in der Innenstadt unterwegs waren, zu ihrem Ausgeh- und Trinkverhalten sowie ihren Gewalterfahrungen befragt wurden.

Vorgehen und Umsetzung

Foto NachtwandererPräRIE wurde 2008 als Modellprojekt im Rahmen der "Nachhaltigkeitsstrategie Baden-Württemberg" gefördert und ist seit 2011 mit seinen Teilprojekten in Freiburg durch die Einrichtung einer 0,25-Planstelle "Koordinationsstelle Kommunale Alkoholpolitik" fest verankert. PräRIE weist eine Vielzahl von Projektpartnern auf, u.a. KontaktNetz Straßensozialarbeit, Kommunale Kriminalprävention, Kommunaler Suchtbeauftragter, Jugendförderung und Jugendschutz, Amt für Öffentliche Ordnung, Sucht- und Drogenberatungsstellen, Arbeiterwohlfahrt, Evangelische Stadtmission, Polizei, Krankenhäuser, Gastronomie und Veranstalter, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, Bürgervereine, verschiedene Einrichtungen der Jugendarbeit sowie Schulen und Hochschulen.

Aus der Vielzahl von Projekten, die innerhalb der Gesamtkonzeption PräRIE umgesetzt werden, sind im Beitrag drei Einzelprojekte besonders herausgestellt:

  • Im Rahmen von PräRIE-Innenstadt bieten zwei Suchthilfe-Fachleute an zwei Wochenenden pro Monat zwischen 20.30 und 0.30 Uhr an einem Stand im Freiburger Partyviertel Beratung an. Unterstützt werden sie von Peer-Beratern. Stehtische, bunte Hocker, Blumen und Schirme laden zum Verweilen ein. Pro Nacht und Person werden etwa 25 Gespräche geführt. Das Angebot, bei dem die Methoden der motivierenden Kurzintervention adaptiert werden, richtet sich vorwiegend an Jugendliche. In dem etwa zehnminütigen Gespräch werden Themen wie Ausgeh- und Konsumverhalten, Umgang mit Alkohol sowie Drogenerfahrungen in der Familie und im Bekanntenkreis angesprochen.
  • PräRIE-abgefahren ist ein gemeinsam mit Ehrenamtlichen durchgeführtes Projekt zur Sucht- und Gewaltprävention in Freiburger Straßenbahnen. Es wird im Rahmen des Programms "Prävention alkoholbedingter Jugendgewalt" der Baden-Württemberg-Stiftung verwirklicht und ergänzt das Projekt "PräRIE-Innenstadt". An zwei Wochenenden im Monat sind Teams von Suchthilfefachkräften und Peers in den Fahrzeugen und an den Haltestellen unterwegs und kommen mit Jugendlichen mithilfe von Quizfragen ins Gespräch. Auch hier wird die Methode der motivierenden Kurzintervention angewandt. Neben den studentischen Peer-Beratern werden auch ältere Freiwillige ausgebildet. Flankiert wird die Maßnahme u.a. durch einen Selbstcheck auf der Internetseite www.praerie-abgefahren.de.
  • Im Projekt Nachtwanderer und Festbegleiter werden in Freiburger Stadtteilen Freiwilligen-Projekte, die sich auf den Alkoholkonsum Jugendlicher in der Öffentlichkeit beziehen, von der Koordinationsstelle Lokale Alkoholpolitik initiiert und begleitet.
    Die "Nachtwanderer" sind an Wochenenden zwischen 22 und 3 Uhr auf öffentlichen Plätzen, in Diskos, an Veranstaltungsorten und im Nahverkehr unterwegs. Sie sollen Vertrauen zu den Jugendlichen aufbauen, ihnen Hilfe und Unterstützung anbieten, Aggressionen und Vandalismus eindämmen sowie das soziale Klima verbessern. Die "Festbegleiter" sind eine Initiative der örtlichen "Narrenzunft" und des Bürgervereins im Stadtteil St. Georgen: Während des Weinfestes werden junge Leute auf riskanten und unerlaubten Alkoholkonsum angesprochen.

Zu den weiteren Projekten im Rahmen von PräRIE zählen unter anderem:

  • aufsuchende Sozialberatung durch Fachkräfte der Suchthilfe unmittelbar nach Akutsituationen (u.a. Alkoholvergiftungen, Gewaltdelikte),
  • Initiierung und Begleitung von stadtteilbezogenen "Runden Tischen" zur kommunalen Alkoholpolitik, an denen die Verantwortlichen in Verwaltung und Kommunalpolitik, im Erziehungs- und Sozialbereich sowie die Vereine und Gastronomie zusammengebracht werden,
  • Etablierung einer "Freiburger Festkultur",
  • Schulungsangebote für kommerzielle Veranstalter.

Zudem wurden im Rahmen von PräRIE zur zielgruppengerechte Ansprache verschiedene Websites entwickelt (www.freiburg.de/praerie: Information von Multiplikatoren, www.praerie-abgefahren.de: Projektwebsite für 14-19-Jährige mit Wissenstest, Selbstcheck und Fakten zum Thema Alkohol, www.praerie-bar.de).

Teilprojekte von PräRIE wurden 2010/11 durch das Sozialwissenschaftliche und Betriebswirtschaftliche Institut Esslingen evaluiert. Fazit: "Die Ergebnisse belegen Umsetzbarkeit, Akzeptanz und Nachhaltigkeit (…) eindrücklich."

Begründung der Prämierung

Zu loben ist die ganzheitliche und umfassende Ausrichtung des Beitrags: Verschiedene Orte des öffentlichen Raums (Partyviertel, Stadtteile, Straßen und Plätze, öffentlicher Personennahverkehr, Feste und Veranstaltungen, Umfeld von Diskotheken) werden berücksichtigt, ein äußerst breites Maßnahmenbündel wurde ergriffen sowie verschiedene Zielgruppen differenziert in den Blick genommen.

PräRIE basiert auf einer empirisch fundierten Ausgangs- und Bedarfsanalyse, hat Ziele detailliert festgelegt und setzt Instrumente des Qualitätsmanagements und der Evaluation ein. Es erfüllt damit alle Kriterien einen qualitätsvollen Projektansatzes.

Die verantwortliche Koordinationsstelle Lokale Alkoholpolitik kooperiert mit einer Vielzahl von verwaltungsinternen und -externen Akteuren. Es existiert ein dichtes Netzwerk, in dem alle relevanten Akteure der Stadtgesellschaft vertreten sind. Kooperationserklärungen und zum Teil detaillierte vertragliche Vereinbarungen regeln die Kooperation verbindlich.

Zu würdigen ist das hohe Maß an ehrenamtlichem Engagement und Partizipation sowie die gendersensible Ausrichtung: Bei der Ausbildung der Peer-Berater werden in der Regel geschlechtsgemischte Schulungsteams eingesetzt und auch bei den Einsätzen im öffentlichen Raum wird auf gemischte Teams geachtet.

PräRIE hat eine große Breitenwirkung: Insgesamt wurden mit den verschiedenen Teilprojekten des Programms im Jahr 2012 rund 4.500 Personen erreicht, vor allem durch Einsätze in der Innenstadt und in den Straßenbahnen.

PräRIE erfährt ausgeprägte kommunalpolitische Rückendeckung und ist nachhaltig und langfristig implementiert.

 

 

Zum Originalwettbewerbsbeitrag der Stadt Freiburg im Breisgau.

 

1 Die Einwohnerzahlen der prämierten Kommunen wurden folgenden Quellen entnommen: Statistisches Bundesamt: Gemeindeverzeichnis online, https://www.destatis.de/gv/ (Abruf Februar 2013); Statistische Ämter des Bundes und der Länder: Regionaldatenbank, https://www.regionalstatistik.de (Abruf Februar 2013).